Japan: Darf ich für meine Söhne eine Ehe arrangieren? Flirting & Dating in Japan

Japan (DJZ) – Vor ein paar Tagen stolperte ich bei meinen täglichen Online Nachrichtensuche nach kriminellen Aktivitäten in Japan über einen Artikel von der Japan Today und ein Google Suchergebnis brachte einen noch älteren Artikel von der Japan Times hervor. Die Japan Times rahmte ihren Bericht mit den Worten „Eltern von unverheirateten Kindern sind wichtige Bestandteile von Matchmaking-Parties“. Die Japan Today fällt mit der Tür ins Haus „Eltern besuchen Matchmaking-Parties, um Partner für ihre Kinder zu finden“. Beide Berichte sind vom Inhalt fast ähnlich aber keiner kommt zur endgültigen Schlussfolgerung.

Als Mutter zweier „Third Culture Teenager“ gehöre ich vielleicht noch nicht zu der Gruppe verzweifelter Eltern, die die Nachbarschaft nach heiratswilligen Damen abklappert aber doch, hier und da kommen gewisse Gedanken auf, was ist wenn …? Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Gerade nachdem der Kleine seine erste Freundin, die mehr Bier wie Wasser trank, zu Hause anschleppte und wir ihm versicherten, dass sie großartig ist, „we love her“.  Gott sei Dank hat sie einen andern gefunden aber was ist wenn? Darf ich als Mutter eingreifen und ein wenig am Glücksrad drehen?

Third Culture Kids sind meistens in mehreren Ländern aufgewachsen. Meine sind in Singapur geboren und haben dort 6 bzw. 8 Jahre gelebt, chinesischer Kindergarten und Jungenschule. In Japan ging es in die japanische Staatsschule und mein Großer kam ganz entzückt nach Hause und sagte mir, „Mama, da sind Mädchen in der Schule“. Hals über Kopf ging es dann ein Jahr später für drei Jahre nach Dubai auf die Deutsche Schule. Mein Kleiner kam komplett frustriert nach dem ersten Schultag nach Hause und sagte, „die sind alle so unhöflich wie du, Mama“. Eine Deutsche Freundin wird er wohl nie haben, dachte ich mir. Wieder zurück in Japan wurden die Jungs auf die Deutsche Schule Tokyo/Yokohama gesetzt und das große Erdbeben brachte einen Einblick in die enormen kulturellen Unterschiede zwischen  dem Stoizismus der Japaner und dem kopflosen Deutschen deren Botschaft Hals über Kopf abreiste.  In 2013 ging es nach Neuseeland, einem Land, dass sehr British organisiert ist und den Jungs eine Prise britischen Humors, Abenteuergeist gepaart mit Haka tanzenden Arroganz und schlechten Essgewohnheiten,   wie Chips und Pie, verabreichte.

Was tun mit diesem Mix? In Japan ist die erste Pflicht eine Kindes einen guten Schulabschluss hinzulegen und zu studieren. Es wird immer wieder erwähnt, dass sich die Jungs erst im Studium nach einer besseren Hälfte umsehen sollten. Denn dann sind klar, dass sie zukünftig eine Familie zu ernähren können. Eigentlich sind die Universitäten die Dating Stätten des Landes. Vor der Uni wird bis tief in die Nacht hinein viel gelernt aber wer es einmal geschafft hat, der hat richtig viel Spass. Lernen ist eher zweitrangig.

Mit Universitätsabschluß ist es möglich eine Familie gut zu versorgen aber werden die Sprößlinge jemals jemanden kennen lernen? Sie lernen und lernen und lernen und nach vielleicht fünf Jahren geht es endlich in den Beruf, Karriere ist angesagt. Wird mein Ältester jemals jemanden kennen lernen wenn er ständig beruflich unterwegs ist? Wird mein Jüngster ein besseres Händchen bei der Wahl seiner Allerliebsten haben ä)? Was ist, wenn beide mit 40 Jahren immer noch nicht den richtigen Partner gefunden haben?

Darf ich als Mutter nachhelfen oder dürfen wir als Eltern nachhelfen? Wie in dem Artikel schon erwähnt, es wäre schade, wenn sie allein alt werden müssen.

Ist es nicht so, dass dieses Matchmaking eigentlich auch in der westlichen Kultur vorhanden ist, nur in einer abgeschwächten Form? Der Nachbars Junge der gerade sein Studium abgeschlossen hat und plötzlich am Kaffeetisch sitzt? Wie ist es dazu gekommen?

In meinen 10 Jahren in Singapur habe ich viele Inder, Punjabi und Chinesen kennen gelernt, deren Ehen arrangiert waren und die richtig gut miteinander klar kamen. Damals habe ich die Scheu oder mein Vorurteil für arrangierte Ehen verloren. Natürlich gibt es immer etwas ganz Schlimmes von irgendwo zu berichten aber ich möchte lieber über die guten Beispiele reden.

Zurück nach Japan, in Japan wurden bis in die späten 30er Jahre fast 70% der Ehen arrangiert. Die Zahl fiel dann in den 60er Jahren auf unter 50%, doch im Jahre 2014 gab es immer noch 5,5% arrangierte Ehen in Japan. Der Anteil der Personen, die bis zum 50. Lebensjahr noch nie verheiratet waren, stieg 2015 auf 23,37 Prozent für Männer und 14,06 Prozent für Frauen, gegenüber 12,57 Prozent für Männer und 5,82 Prozent für Frauen im Jahr 2000. (Artikel Japan Today)

Das erkärt evtl. die niedrige Geburtsrate in Japan. Sollten japanischen Eltern wieder in die Partnersuche involviert werden? Vorausgesetzt die Kinder stimmen zu. Sind Japaner nicht für das Dating im westlichen Sinne geeignet?

Das läßt sich am Besten bei multikulturellen Dating Paaren beobachten. Nehmen wir Deutsch/Japaner wie in vielen Blogs auf WordPress nachzulesen. Ich nenne den Blog mal „Verliebt in einen Japaner“. Ein Mädel berichtet von ihrer Beziehung, sie scheint gebildet und alles unter Kontrolle zu haben, JLPT2, Hut ab! Fragen wie, werden wir immer bei den Eltern wohnen und wird er jemals über seine Gefühle sprechen lassen mich dann doch eine Augenbraue hoch ziehen. Es gibt Dinge die kann die Uni nicht lehren. Aus dem Blog geht hervor, dass sie bereits bei ihm wohnt. Sie ist mit der Axt im Chrysanthemen Wald unterwegs. Gewöhnlich geht man in ein Love Hotel und stellt seine Freundin niemals den Eltern vor, nur wenn sicher ist, dass geheiratet wird. Ein Spruch den man oft in Asien von Frauen hört ist, „behandele deinen Freund nicht wie deinen Ehemann“.

Typisch für japanisch/deutsche Beziehungen ist oft der Faktor, dass der japanische Partner bereits mehrfach im Ausland gelebt hat, wenn auch nur für kurze Zeit. In meinem Freundeskreis waren ausschließlich alle japanischen männlichen Ehepartner vorab im Ausland. Des weitern haben viele deutsche Partner von Japanern, Japanologie in Deutschland studiert. Es ist bereits ein gewisses rosarotes Interesse für die andere Kultur da.

Bei Japanern fällt als erstes auf, dass jeder sich von dem anderen abheben will, die Homogenität die im Alltag angestrebt wird, wird komplett über Bord geworfen wenn es darum geht eine bessere Hälfte zu finden. Perfektion ist angesagt, only the best! Alles muß stimmen. 1. Schönheit  2. Talent das sich im Klavierspiel, im Backen oder sonst wo zeigen sollte, 3. Geduld und Reinheit des Charakters (!). Eine Mutter für ihre Kinder. Einen Ernährer für die Sippschaft. Schließlich wird man nach dem ersten Kind mindestens 10 Jahr mit Kind und Kegel in einem Raum schlafen. Sex ist zweitrangig, der Mittelpunkt der Familie sind die Kinder, nicht das Ehepaar, so wie in Deutschland. Großeltern halten sich mit guten Ratschlägen zurück und helfen bei der Erziehung der Enkelkinder und im Haushalt. Es muß also ein Partner her, der mit allen harmonisiert. Außer natürlich, es ist der zweitgeborene Sohn, der wird wahrscheinlich seinen eigenen Haushalt gründen aber die Eltern/Familie spielt immer noch eine große Rolle.

Ein Japaner erzählte mir einmal, dass seine Frau keine Kinder wollte aber nachdem sie sich mit all den anderen Ehefrauen seiner Kollegen getroffen hat und man sie auslachte weil sie gute Ratschläge für Mütter hatte, entschied sie sich Mutter zu werden. Er verachtete sie für diese Entscheidung. Sie wollte Mutter werden um es den andern Frauen zu zeigen, nicht weil sie selbst den innersten Wunsch hatte Mutter zu werden. Die zwei hatten sich auf einer Reise kennen gelernt, nachdem sie im Maid Kostüm in seiner Kajüte auftauchte. Die Ehe hielt nicht.

Das erklärt wohl auch die Zurückhaltung wenn es darum geht sich für jemanden zu entscheiden. Natürlich trifft diese nicht für alle zu, wer würde das schon gerne zugeben, wer ist perfekt um einen perfekten Partner zu finden :)?

Es ist unheimlich anstrengend alle Qualitäten in einer Person auf der Straße zu finden. Das bedeutet ansprechen, verabreden, Essen gehen, Geld investieren um dann beim vierten oder fünften Abendessen herauszufinden, dass die Person kein Talent hat, arbeitslos und wie eine Dampflokomotive raucht oder ähnliches. Dies von einem Japaner zu erwarten ist einfach zu viel.

Meine Generation in Deutschland hatte das große „Glück“ zuviel Bier, zuviel Disco und zuviel Spaß gehabt zu haben, Dating hat sich von alleine ergeben ohne große Anstrengung. In Japan scheinen die Baby Boomer nicht so viel Glück gehabt zu haben, zumindest scheinen das die Statistiken zu zeigen. 23.37 % der 50-jährigen Männer waren noch nie verheiratet!

Das sind die Baby Boomer, die nicht mehr in den „Genuß“ kamen von ihren Eltern vermittelt zu werden.

Ist es besser für das traditionelle Japan wieder Matchmaking aufleben zu lassen? Ich denke schon!

(Bild: Die Japan Zeitung Stock Foto)

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